Homberger Geschichte
108 Jahre Lebensmittelgeschäft Berns
- Ein Stück Essenberger Geschichte ging zu Ende -
Im Jahre 1885, als Essenberg noch ein gemütliches Schifferdorf mit 800 Einwohnern war, die Kohlenförderung in Hochheide
schon auf vollen Touren lief und in Homberg das „Aus“ für den Hebeturm kam, machte sich Wilhelm Berns als Lebensmittelhändler in Essenberg
selbständig.
Zunächst war er nicht ansässig, sondern fuhr mit einem Pferdefuhrwerk durch die noch nicht ausgebauten Straßen Essenbergs und belieferte
die Kundschaft mit Milch, Brot und Gemüse. Diese Art des Verkaufs war auf die Dauer zu mühselig. So entschloss Wilhelm Berns sich im Jahre
1906, in seinem neuerbauten Haus Duisburger Strasse 72 ein Lebensmittelgeschäft einzurichten.
In der Zwischenzeit hatte sich in Essenberg allerhand getan. Im Jahre 1892 siedelte sich die Firma Sachtleben Chemie dort an, wodurch von heute
auf morgen das Dorfleben in Essenberg völlig verändert wurde. Die in Essenberg wohnenden Familienväter hatten erstmals eine geregelte Arbeit und
dadurch auch ein gesichertes Einkommen. Somit konnte man sich etwas mehr als nur die nötigsten Dinge leisten. Der Kaufmann Berns musste sich darauf
einstellen; er erweiterte sein Warensortiment und hatte fortan Gemüse, Obst, Süßigkeiten, Milchprodukte, Zeitungen, Getränke, Haushaltsartikel und
Konserven im Angebot. Sogar apothekenfreie Medikamente und Briefmarken hielt das Ehepaar Berns für die Essenberger Kunden bereit, um ihnen den Weg
bis nach Homberg zu ersparen.
Wenn die Fabrikarbeiter ihre Schicht beendet hatten, kam es oft vor, dass sie den „Tante-Emma-Laden“ aufsuchten, um eine Flasche Bier zu trinken
und ein Brötchen, belegt mit Käse oder Wurst zu essen.
Johann Berns, bislang bei der Firma Sachtleben als Lokführer tätig, übernahm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1934 das Geschäft, und zwar
zu einem Zeitpunkt, als die Duisburger Strasse bereits eine belebte Geschäftsstraße war. Doch nicht nur die schon erwähnte Chemiefabrik sorgte
für Umsatz, auch der rege Schiffsverkehr auf dem Rhein trug dazu bei. Viele Schiffer gingen in Essenberg an Land, um sich mit Proviant für die
Weiterfahrt einzudecken. Etliche Schifferfamilien waren über Jahrzehnte treue Kunden. Ebenso war es üblich, dass auf Wunsch Pakete für Kranke oder
Präsentkörbe geliefert wurden. War ein Artikel einmal nicht vorrätig, versuchte man schnellstens, ihn zu bekommen, damit der Kunde zufrieden war,
denn das oberste Gebot lautete immer „Der Kunde ist König“. Keine Arbeit war der Familie Berns zuviel, was die Kunden auch stets zu würdigen wussten.
Von 1962 an, nunmehr in der dritten Generation, führten Johann und Helga Berns den Betrieb. In diesen Jahren verschwanden in Essenberg die kleinen
Geschäfte, wie z.B. die Bäckerei Biermann, die Metzgerei Küppers und die Drogerie Sinn. Sie alle mussten ihre Geschäfte aufgeben, da immer mehr
Großmärkte entstanden. Der Familie Berns haben die großen Lebensmittelketten nie etwas anhaben können.
Die Eheleute kannten viele Kunden über Jahrzehnte; sie wussten von ihren Sorgen und Nöten. Obwohl der Arbeitstag oft 16 Stunden hatte, fanden sie
stets Spaß an ihrer Arbeit; sie sind mit den Kunden gemeinsam alt geworden. In all den Jahren haben sie nur einen Tag Urlaub gemacht, das war 1978,
als die Silberhochzeit anstand.
Es fiel ihnen nicht leicht, den Laden für immer abzuschließen; krankheitsbedingte Gründe ließen sein Weiterbestehen jedoch nicht zu. Helga und
Johann Berns, die das Geschäft 31 Jahre lang in dritter Generation führten, standen zum letzten Mal im Sommer 1992 hinter der Ladentheke. An einen
Wegzug aus Essenberg war nicht zu denken. Dafür war ihre Verbundenheit mit Essenberg viel zu groß. Sie wohnten weiterhin bis zu ihrem Tode über dem
Ladenlokal, um von dort aus ihren ehemaligen Kunden einen „Guten Tag“ zu wünschen.
Mit dem traditionellen Lebensmittelladen ging auch ein Stück Essenberger Geschichte verloren. Das im Jahre 1940 über den Laden angebrachte
Geschäftsschild „Johann Berns“ in Sütterlinschrift erinnerte bis zum Verkauf des Hauses in den neunziger Jahren an 108 Jahre „Lebensmittel Berns“
in Essenberg.